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Chanya Yego

Chanya Yego gehört, zusammen mit ihrem Ehemann Allan Cohen, zu den Gründern der Spacetraveller's Lounge, der größten und bekanntesten Organisation, die Dienstleistungen für Raumfahrer im gesamten Gebiet des Terranischen Sternenstaats anbietet. Durch geschicktes Agieren als unabhängige Raumfahrer in den Gründerjahren des Terranischen Sternenstaats sicherten sich Chanya Yego und Allan Cohen einen Platz in den Geschichtsbüchern und großes Ansehen bei Grauen. Die Familie meidet seit Jahren die Öffentlichkeit, und so ist nur wenig über ihr aktuelles Befinden und ihre weiteren Pläne bekannt. Die Geschichte der Mitgründerin der Spacetraveller's Lounge und wohl berühmtesten Grauen kann aber trotzdem jedes Kind erzählen.

Aussehen

In der Öffentlichkeit zeigt sich Chanya Yego, genau wie ihr Ehemann, seit Jahren nicht mehr. Im Netz sind aber trotzdem zahlreiche Abbildungen aus früheren Jahren im Umlauf. Auf diesen Bildern erscheint sie als kleine Frau von wohlgerundeter Statur. Ihre Haut ist hellbraun, ihr schwarzes Haar meist funktionell mittellang geschnitten oder zu einem Pferdeschwanz gebunden. Ihre Augen blicken in einem dunklen, kräftigen Grün aus einem zierlichen Gesicht, das Intelligenz und Gewitztheit ausstrahlt. Kenner der Gesellschaft gehen davon aus, dass Mrs. Yego sich vermöge moderner Biotechnologie ihr jugendliches Aussehen bewahrt hat, was angesichts des Wohlstands der Familie nicht abwegig erscheint. Besonders spekulativ veranlagte Gesellen schließen auch nicht aus, dass Chanya Yego oder ihr Mann ihre körperliche Existenz schon vor Jahren hinter sich gelassen haben. Diese Behauptungen sind aber eben so zweifelhaft wie angebliche Sichtungen der beiden auf öffentlichen Plätzen in Terra Haven, auf anderen Kolonien des Core, oder gar auf entlegenen Siedlungen des Outer Rim.

Kindheit und Jugend

Chanya Yego wurde im August 2152 an Bord eines Raumfrachters auf dem Weg von Tau Ceti zu dem erst ein Jahr zuvor gegründeten Ceara Außenposten geboren. Die glücklichen Eltern, Kaaria Ashman und Chavis Yego, waren damals als Ingenieure im Dienst des Unternehmens Allstar Colony tätig. Ihre Aufgabe bestand darin, den Ausbau des Landefeldes und die Installation der Koloniemodule zu übersehen. Zu dieser Zeit hatte heute zu den alten Core-Kolonien zählende Siedlung nur einige hundert Einwohner. Heute beherbergt das Ceara-System eine der alten Core-Kolonien, eine Supermetropole mit etwa 50 Millionen Einwohnern und viele kleinere Satellitenstädte. Damals jedoch lag die Kolonie noch am Rand des besiedelten Weltraums. Die Kolonisten waren unter sich, und trotz des stetigen Zustroms neuer Siedler und des zunehmenden interstellaren Verkehrs herrschte eine geradezu familiäre Stimmung.

Allstar Colony erprobte zu dieser Zeit einige neue Koloniemodule, geräumige Kuppeln, die durch großzügige Gestaltung des Raums und aufwändige Grünanlagen ihren Bewohnern eine ansehnliche Lebensqualität boten. Chanya wuchs folglich unter vergleichsweise guten Bedingungen auf. Zwar waren ihre Eltern intensiv mit dem Ausbau der Kolonie beschäftigt und konnten der Familie nur wenig zeit widmen, aber Allstar Colony, damals noch ein überschaubares Unternehmen mit flacher Hierarchie, sorgte dafür, dass es seinen Kolonisten an wenig fehlte. Chanya und ihre zwei und vier Jahre später auf Ceara geborenen Geschwister Dorset und Meja, genossen von Anfang an eine gute Betreuung. Allstar Colony benötigte für seine rasch expandierenden Operationen überall in der Kolonisierungszone rund um Sol noch zahlreiche gut qualifizierte Kräfte, die auch bereit waren, den Komfort und die natürlichen Lebensbedingungen auf Terra und den inneren Kolonien hinter sich zu lassen. Niemand eignete sich so gut dafür wie Leute, die selbst auf den äußeren Siedlungen aufgewachsen waren. Also wurde auch Chanya schon früh auf einen technischen Beruf vorbereitet. Im Jahr 2168 begann sie eine Ausbildung als Ingenieurin bei Allstar Colony.

Ins All hinaus

Mittlerweile war der Kern von Ceara I gut ausgebaut und hatte den Test der Zeit bestanden. Weitere Module konnten nahezu automatisch hinzugefügt werden. Die herausfordernden Aufgaben für Techniker stellten sich eher auf anderen Welten weiter außerhalb. Chanya hatte nur einmal einen Urlaub auf Terra erlebt, auf denen ihre Eltern lange gewartet hatten. Die Vorstellung, unbekannte Welten zu sehen oder gar zu betreten, reizte sie sehr. Sie ergriff daher 2170 bereitwillig die Gelegenheit, zusammen mit einigen anderen jungen Technikern an einem Vorausteam für die Erstinstallation von Kolonieanlagen an der äußersten Grenze des heutigen Core zu übernehmen. Vielleicht war aber auch ihre erste große Liebe daran schuld, dass es sie in die kalten Weiten des Alls hinauszog: Ein junger Raumpilot, der gerade das Kommando über einen der kleineren Mannschaftstransporter von Allstar Colony erhalten hatte und die Flotte auf ihrer Mission begleiten sollte. Dank ihres großen technischen Verständnisses und ihres sympathischen Wesens hatte Chanya wenig Probleme, ihre Vorgesetzten von ihrer Eignung zu überzeugen. Zu ihrer großen Freude konnte sie schließlich Anfang 2171 an Bord des Raumschiffs ihres Geliebten gehen und sich von ihrer Heimat Ceara - vorläufig - verabschieden.

In den folgenden Monaten blieb Chanya nur selten sehr lange auf einer Kolonie. Sie und ihre Freunde verbrachten viel Zeit an Bord von Raumschiffen und lernten zahlreiche neue Welten kennen - sicher mehr als die meisten anderen Leute in dieser Zeit. Chanya pflegte gute Beziehungen zu den Piloten und konnte oft auf der Brücke der neusten Raumschiffe Platz nehmen, gelegentlich sogar - entgegen aller offiziellen Vorschriften - ein paar Kommandos geben. Doch ihre wahre Begeisterung gehörte den kleineren Raumschiffen. Am Ende des Jahres 2171 beantragte sie eine Zusatzausbildung als Shuttlepilotin, die ihr auch gewährt wurde. Chanya entwickelte eine starke Persönlichkeit und eine ungewöhnliche Zielstrebigkeit. Während sie sich um immer ausgedehntere Flugaufträge bemühte, vernachlässigte sie ihre alten Freundschaften ein wenig. Auch die Beziehung zu ihrem Freund ging schließlich in die Brüche, während die beiden viele Lichtjahre voneinander getrennt lebten und arbeiteten. Aber Chanya war sich sicher, ihre Berufung gefunden zu haben: Als Pilotin in der Enge eines Klasse B-Raumschiffs, mit einem kleinen Team von verwegenen Raumfahrern, oder manchmal auch einfach nur allein mit sich und den Sternen.

Wiedergefundene und verlorene Freundschaft

Im Jahr 2172 erfuhr Chanya Yego, dass sich auf der Kolonie Pythias, im heutigen Outer Core, ein schweres Unglück ereignet hatte, bei dem zwei ihrer besten Freunde schwer verletzt worden waren. Sie war zu dieser Zeit weit jenseits des zivilisierten Weltalls an einer Erkundungsmission beteiligt und versuchte, sofort Urlaub und eine Rückreise nach Pythias genehmigt zu bekommen. Doch Allstar Colony hatte in den wenigen Jahren ein immenses Wachstum erlebt. Die Bürokratie hatte Einzug gehalten, die Strukturen waren anonymer, die Anforderungen an die Belastbarkeit der Mitarbeiter rigoroser geworden. Das Management ihrer Abteilung zeigte kein Verständnis für ihr Anliegen - sie wurde vor Ort gebraucht. Doch Chanya war entschlossen, dass ihre über so lange Zeit vernachlässigten Freunde sie nun brauchen würden. Sie stahl sich also zu nachtschlafener Zeit in ihr Shuttle, und machte sich mit Höchstgeschwindigkeit auf den Weg nach Pythias. Als sie dort ankam, hatte sie große Mühe, zu den Patienten vorgelassen zu werden. Ihr wurde gesagt, dass die Behörden Sabotage vermuteten und die Überlebenden vor dem Zugriff der Terroristen möglichst gut abschirmen wollten. Mit einiger Überredungskunst gelang es ihr aber, sich Zutritt zu verschaffen. Von den beiden alten Freunden war nur einer ansprechbar. Er erzählte Chanya mit mühsam gesprochenen Worten von einem technischen Mangel, der den meisten Technikern bekannt gewesen sei, von Allstar Colony aber verheimlicht worden war. Ihr anderer Freund war zu dieser Zeit nicht ansprechbar, zwei Tage später starb er, ohne dass Chanya sich verabschieden konnte.

Verzweiflung und Wut überkamen Chanya, und es dauerte nicht lange, bis sie den Entschluss fasste, sich bei der zuständigen Abteilung zu beschweren. Doch dazu kam es nicht mehr - Chanya erfuhr am folgenden Tag, dass sie wegen der unerlaubten Benutzung eines Shuttles und Gefährdung der Unternehmenssicherheit suspendiert worden sei. Die damit verbundene Sperrung ihrer Fluglizenz bei Allstar Colony machte alles noch wesentlich schlimmer. Chanya schäumte vor Wut und kündigte, ohne die angesetzte Anhörung abzuwarten - zum völligen Unverständnis ihrer Vorgesetzten. Alles was ihr blieb war eine Blaue ID des gerade gegründeten Terranischen Sternenstaats, die sie in Anerkennung ihrer ansonsten stets tadellosen Arbeit behalten durfte. Mit dieser ID und ihrem Ersparten machte sie sich per Linienflug auf den Rückweg nach Ceara. In der mittlerweile zu imposanter Größe gewachsenen Kolonie ihres Heimatsystems erhoffte sie sich bessere Chancen, einen neuen Job als Raumpilotin zu finden.

Ein Neubeginn

Trotz des unrühmlichen Endes ihrer Karriere bei Allstar Colony hätte Chanya Yego in der Zeit des Kolonisierungsbooms, der mit der Gründung des Terranischen Sternenstaats enorm an Fahrt gewann, wahrscheinlich wenig Probleme gehabt, eine Beschäftigung als Raumpilotin zu finden. Vor allem für große Frachter und das dichter werdende Liniennetz wurden Kommandanten gesucht, die lange Arbeitszeiten in einsamen Raumgebieten nicht scheuten und mit den Bedingungen in den neuen Koloniegebieten gut vertraut waren. Diese Anforderungen stellten für Chanya kein Problem dar. Der Sinn stand ihr aber nach einer neuen Herausforderung. Außerdem hatte sie ihre Vorliebe für kleinere Schiffe nicht verloren, und konnte den größeren Unternehmen nach ihrer schmerzvollen Erfahrung kein Vertrauen mehr entgegenbringen. So entschloss sie sich, sich bei einem eher unbekannten Betrieb zu bewerben, der für zwei seiner fünf Raumschiffe neue Piloten suchte. Ein erstes Gespräch fand bald darauf in einem heruntergekommenen Büro auf einer der unteren Ebenen von Ceara I statt. Chanya erfuhr von einer ziemlich unsympathischen Persönlichkeit, die sich als Geschäftsführer ausgab, dass die alte Besetzung dieser Posten überraschend gekündigt hatte und nun kurzfristig neues Personal gesucht wurde.

Trotz aller Anzeichen, die jeden auch nur halbwegs vorsichtigen Mensch abgeschreckt hätten, konnte Chanya sich für die Operation dieses kleinen Unternehmens begeistern. Sie würde ihr eigenes Shuttle bekommen, hatte große Freiheit bei der Durchführung ihrer Missionen, und sogar die in Aussicht gestellte Bezahlung ließ ihr, gar nicht schlechtes, ehemaliges Gehalt bei Allstar Colony höchst spärlich erscheinen. Einen Arbeitsvertrag gab es zwar nicht, auch eine Weiße ID war im Paket nicht enthalten - doch Chanya befand das Angebot für zufriedenstellend und besiegelte die Vereinbarung ohne zu Zögern mit einem kräftigen Handschlag.

Chanya hatte in den folgenden Tagen Gelegenheit, ihre Kollegen näher kennenzulernen. Da waren die drei anderen Piloten, Kery, Yvo und Llew. Außerdem gab es Arthur, einen alten Techniker, der sich um die Wartung der Raumschiffe zwischen den Flügen kümmerte. Er stellte das gesamte Bodenpersonal dar, und obwohl er gelegentlich etwas jähzornig schien, schloss er Chanya offenbar sofort in sein Herz. Bei den ersten Einsätzen - Frachtransporte zwischen vom Core zu den äußeren Welten des jungen Terranischen Sternenstaats - blieb das fünfte Shuttle zunächst unbesetzt. Der Geschäftsführer hatte offenbar Probleme, einen geeigneten Piloten zu finden. Das Berufsfeld war immerhin noch jung, und die meisten gut ausgebildeten Raumpiloten hatten sichere Jobs bei den größeren Konzernen. Arthur schlug schließlich vor, dass sein Neffe vielleicht den Job übernehmen könnte. Er sei zwar kein Pilot, aber verstehe sich auf Raumschifftechnologie, und könne nach einer Einweisung sicher ein Schiff fliegen. Außerdem sei er ein Nichtsnutz und lungere zu viel herum, ein fester Job und ein paar Ausflüge in die weite Welt würden ihm sicher gut tun. Der besagte Neffe hieß Allan Cohen, und Chanya konnte ihn zunächst gar nicht recht ausstehen. Er hielt sich für einen geborenen Raumpiloten, hatte aber keinerlei Erfahrung und hatte wohl auch nie wesentlich mehr als die unteren drei Ebenen von Ceara I gesehen. Glücklicherweise konnte Chanya meist mit Kery als Flügelfrau fliegen, wenn sie nicht sogar allein auf die Reise geschickt wurde.

Gute Geschäfte

Alles in allem genoss Chanya diese Zeit sehr. Die Grenzen des Terranischen Sternenstaats schoben sich mit jedem Tag weiter ins Unbekannte hinaus, immer neue Systeme wurden als Aufgabengebiete der Raumpiloten erschlossen. Chanya lernte jeden Tag etwas Neues. Sie knüpfte auch neue Freundschaften. Zu Kery, die ihre beste Freunding wurde, und auch zum alten Arthur. Er behandelte Chanya wie eine Tochter, gab ihr viele gute Ratschläge und hatte immer ein offenes Ohr für ihre Sorgen. In seiner Eigenschaft als unverzichtbares Bodenpersonal nahm er gelegentlich an ausgedehnten Flügen in den Rim Teil und erzählte dann Anekdoten aus seiner Jugend, als die Kolonien noch mit Unterlichtflügen versorgt wurden, die Monate dauerten. Das Operationsgebiet verlagerte sich derweil immer weiter von Sol und Ceara, Chanyas Heimat weg. Immer seltener setzte sie einen Fuß auf den Boden der Kolonie, in der sie aufgewachsen war. Aber es verband sie auch nur noch wenig mit dieser Welt.

Chanya und ihre Kollegen waren natürlich intelligent genug um zu bemerken, dass nicht alle der Operationen ihres Auftraggebers vollkommen legal waren. Aber in dieser Zeit gab es kaum eine Überwachung des interstrellaren Raums. Die Kolonien wurden teilweise von sehr kleinen Konzernen kontrolliert, die wenig Geld in die Sicherheit investierten. Aber auch der freie Weltraum wurde ein gefährlicheres Pflaster. Bei ihren Operationen lernte Chanya mehr und mehr auch die negativen Seiten der raschen Expansion der menschlichen Zivilisation kennen. Sie wurde Zeuge des Niedergangs der Ordnung auf den unteren Ebenen der rasch größer werdenden Kolonien. Allan, mit dessen sorgloser und egozentrischer Art sie sich nur schwer arrangieren konnte, scheute keine Gelegenheit, sie damit zu konfrontieren - immerhin hatte er keine so privilegierte Vergangenheit wie Chanya genossen.

Chanya bemerkte schon bald, dass die Luft für das Unternehmen dünner wurde. Im Rim formierten sich allmählich kriminelle Organisationen, die trotz der guten Geschäfte von Chanyas Arbeitgeber bald regelmäßig mit weit größeren Schiffen unterwegs waren. Nicht nur griffen sich diese aufstrebenden Raumpiraten die lukrativsten Aufträge, sie entwickelten auch eine ausgeprägte Territorialität. Piloten kleinerer Shuttles berichteten immer öfter von Übergriffen. Auch Chanya und ihre Freunde erhielten gelegentlich Drohungen, wenn sie in gewissen Sektoren aktiv waren. Die Behörden waren weit weg, die TSSF und die Sicherheitsflotten der Konzerne gerade erst im Aufbau. Glücklicherweise waren aber auch die Raumwaffen noch wenig entwickelt - oder zumindest waren Chanya, Kery und die anderen ziemlich davon überzeugt. Bis zu einem schicksalhaften Tag im Frühjahr 2174, an dem Chanya lernen musste, dass der Raumflug unter den neuen Regeln der Zivilisation auch neue Risiken barg.

Gefährliches Pflaster

Die Frachtmengen, die für die anfallenden Aufträge transportiert werden mussten, wurden im Laufe der Zeit immer größer. Bald flogen die Shuttles unter der Führung von Chanya und ihren Kollegen öfter in größeren Formationen. Für einen Auftrag mussten sich Chanya, Kery und Allan in ein Raumgebiet hineinwagen, dass einen sehr schlechten Ruf genoss. Der aufstrebende Konzern Alpha Spaceflight hatte hier einige Kolonien aus dem Boden gestampft und sie dann weitgehend sich selbst überlassen, als andere Gebiete strategisch interessanter wurden. Die Flotten von Alpha Security waren hauptsächlich im unzivilisierten All tätig, um neue Systeme zu sichern. Somit hatten „unabhängige Kräfte” die Kontrolle über diesen Sektor kurzfristig übernommen, um die großen Kolonien des Konzerns mit wichtigen Waren zu versorgen.

Chanya, Kery und Allan flogen ihre Shuttles ohne große Zwischenfälle zu einem System namens Ianessa und lieferten die Ladung ab. Nach kurzem Aufenthalt in der Vergnügungsssektion des Raumhafens machten sie sich auf den Rückweg. Allan kommentierte voller Ehrfurcht eines der Schiffe, die auf dem Landefeld standen. Es war etwa 60 Meter lang - kein ungewöhnlicher Anblick nach 2170. Allerdings waren an den Flanken der Hülle zwei deutlich erkennbare Kanonen montiert. Die drei waren allerdings guter Dinge ob des erfolgreich abgeschlossenen Auftrags und der belebenden Wirkung der Drinks. Nach kurzer und ergebnisloser Diskussion über den Zweck dieses Schiffes kehrten sie an Bord ihrer Shuttles zurück, verließen die Planetenoberfläche und setzten Kurs auf die Zielbasis der Operation.

Noch kein Parsec von Ianessa entfernt, wurde Chanya durch ein Signal des Scanners aus ihren unbeschwerten Gedanken gerissen. Die Sensoren hatten ein größeres Schiff erfasst, das von Ianessa aus die Verfolgung aufgenommen hatte. Chanya war sofort klar, dass es sich nur um die bewaffnete Korvette handeln konnte, die sie auf dem Raumhafen gesehen hatten. Sie war den drei Shuttles an Geschwindigkeit deutlich überlegen, und schloss rasch zu der kleinen Flotte auf. Chanya verspürte einen kurzen Rausch, wie so oft in gefährlichen Situationen. Aber dieses Gefühl wurde schon im nächsten Moment von Sorge weggewischt. Dennoch, die plötzliche Verfolgung konnte durchaus auch einen unbedenklichen Hintergrund haben, oder gar Zufall sein. Sie gab Kery und Allan die Anweisung in dichter Formation zu fliegen und einen Kurs auf das benachbarte Helike System zu setzen. Dieses stand, wenn man den Navigationsdaten trauen konnte, unter der Kontrolle des Terranischen Sternenstaats. Chanya und die anderen hatten ihre Ladung abgeliefert - eine Landung in diesem System würde unkritisch sein und der Verfolger würde sicher keinen Ärger in einem System unter Kontrolle der Regierung riskieren.

Angesichts der überlegenen Leistung der Korvette war bald klar, dass keine Aussicht bestand, Helike zu erreichen, bevor der Verfolger in Waffenreichweite kommen würde. Andererseits waren die Shuttles so gut wie unbewaffnet - der kleine Laser, der zur Vernichtung von Felsbrocken und Weltraumschrott im Orbit und zum Sammeln von Spektraldaten gedacht war, konnte die Schilde des größeren Schiffs nicht durchdringen. Weder Chanya, noch Kery oder Allan waren je in einen Raumkampf verwickelt gewesen - oder hatten auch nur ernsthaft einen Gedanken daran verschwendet. Zur Untätigkeit verdammt, lehnte sich Chanya zurück in ihren Pilotensessel, schloss die Augen und wartete auf die Dinge, die kommen würden.

Ein Schrei riss Chanya schließlich aus ihren Gedanken. Sie warf instinktiv einen Blick auf den Scanner - der Verfolger war nur noch wenige tausend Kilometer entfernt. Aber auch die Shuttles von Kery und Allan gaben noch klare Signale ab. Sie fragte nach dem Status. Es gab keine Antwort. Nach zähen, atemlosen Sekunden, die ihr wie eine Ewigkeit vorkamen, meldete sich Allan. Er begann, eine Liste von Beschädigungen mit der professionellen Effizienz eines Technikers zu verlesen. Ein beißender Gestank drang Chanya in die Nase. Erst dann nahm sie auch das stetige Fiepen des Feuerwarners wahr. Ein Blick auf die Anzeigen bestätigte ihre schlimmste Befürchtung - Feuer im Reaktorraum, Druckverlust in der Kabine. Wütend trat sie gegen die Konsole, dann taumelte sie aus dem Sitz, kroch durch die offene Cockpittür und tastete nach der Klappe im Boden, hinter der sich die Raumanzüge verbargen. Dies war eine Standardsituation, die sie in ihrer Ausbildung etliche Male geprobt hatte. Sie war etwas eingerostet, aber dennoch war der Raumanzug innerhalb von Sekunden angelegt. Aber ein Shuttle dieser Bauart verfügte nicht über Rettungskapseln, und ein Weiterflug war ausgeschlossen. Zudem konnte der Reaktor jeden Moment explodieren. Sie machte sich auf den Weg zurück ins Cockpit und rief erneut Kery und Allan. Allan antwortete ohne langes Zögern. Er war der Ansicht, dass sein Schiff nicht jenseits aller Flugtauglichkeit war. Von Kery gab es jedoch nach wie vor keine Antwort.

Weitere Minuten vergingen. Chanya konnte nicht nachdenken. Sie würde das Shuttle verlassen müssen - Allans Schiff konnte wieder flugtauglich gemacht werden. Aber was war mit Kery? Allan meldete sich. Er hatte festgestellt, dass die Andockvorrichtung von Kerys Schiff nicht auf externe Signale reagierte. Auch sah die Cockpitsektion schwer getroffen aus. Chanya traute ihren Ohren nicht, aber Allan schlug vor, in einem Raumanzug hinauszugehen, und sich manuell Zugang zu Kerys Shuttle zu verschaffen. Chanya dachte nicht lange nach, denn es war die einzige Lösung. Sie bestätigte den Plan und machte sich dann ihrerseits auf den Weg zur Schleuse.

Allan sagte Chanya energisch, sie solle sich in sein Shuttle in Sicherheit bringen und dann ihr eigenes Shuttle möglichst weit von der aktuellen Position wegschicken. Chanya wollte widersprechen, sie dachte an den Ärger, den dieser Verlust verursachen würde. Dann aber kehrten ihre Gedanken zurück zu Kery… und zu Allan, der sich gerade in größte Gefahr begab, um ihre beste Freundin zu retten. Sie bestätigte die Anweisung und aktivierte die Manövriertriebwerke des Shuttles. Der Reaktor war abgeschaltet worden, aber die Energie in den Akkumulatoren würde reichen, um eine sichere Distanz zwischen sie und das schwelende Shuttle zu bringen. Sie sah dem kleinen Raumschiff einen Moment nach, als es sich rasch entfernte. Dann drehte sie sich um. Sie erblickte einen Raumanzug an der Schleuse von Allans Shuttle - vermutlich mit Allan darin. Er winkte ihr kurz zu und bestätigte die Vermutung - sie glaubte einen erhobenen Daumen zu erkennen, dann aktivierte er die Grav-Aktuatoren seines Anzugs und erreichte innerhalb von Sekunden Kerys Schiff.

Chanya nahm sich einen Moment Zeit, den Schaden zu begutachten. Mehr als zwei dunkle Flecke, einen am Cockpit und einen in der Nähe des Antriebs konnte sie nicht ausmachen. Aber es bestand kein Zweifel, dass diese neuartigen Waffen ihre Funktion erfüllt hatten. Chanya schluckte einen Kloß in ihrem Hals hinunter, dann legte sie die letzten Meter zur Schleuse von Allans Shuttle zurück. Nur Momente später erklärte Allan über das Kom, dass er Kery gefunden habe. Sie sei bewusstlos, aber noch am Leben. Er würde sie in einen Raumanzug stecken und schnellstmöglich von Bord bringen. Chanya öffnete den Helm ihres Raumanzugs und ließ erleichtert die Luft aus ihren Lungen entweichen. Sie hatte nicht gemerkt, dass sie sie angehalten hatte.

Allan brachte Kery in Sicherheit. Das Shuttle jedoch hielt er für verloren. Er legte Kery in einen der Sessel im Cockpit und machte sich dann an die Arbeit, die Schäden seines Shuttles zu reparieren. Die Korvette war wieder verschwunden, ohne ihr zerstörerisches Werk zu vollenden. Chanya dachte eine Weile über Allan nach. Hatte sie sich in ihm getäuscht? Dies war nicht die Handlung eines kopflosen und egoistischen Draufgängers gewesen. Sie war sich nicht sicher, ob sie selbst in dieser extremen Situation richtig gehandelt hätte - trotz aller Ausbildung. Ihre Zeit bei Allstar Colony kam ihr plötzlich sehr weit entfernt vor.

Ende einer Ära

Wie erwartet war der Geschäftsführer nicht begeistert über den Verlust zweier seiner Schiffe. Er kochte und schnaubte vor Wut und wollte Chanya, Kery und Allan persönlich für den Schaden zur Verantwortung ziehen. Erst nach einem langen Gespräch mit Arthur schien er sich zu beruhigen. Arthur erklärte Chanya, dass der Geschäftsführer keine anderen Piloten wie sie mehr finden würde. Chanya und die anderen waren mit dem Terranischen Sternenstaat gewachsen und mit den Gepflogenheiten an der Grenze der menschlichen Zivilisation vertraut wie nur Wenige. Dem Geschäftsführer war klar, dass sie seine letzte Hoffnung waren.

Doch die Geschäfte gingen seit diesem Tag nur noch bergab. Der Geschäftsführer versuchte seine Sorgen mit einer neuartigen Droge zu ersticken - er kämpfte eine Weile, schien aber mehr und mehr zu verlieren. Auch für Chanya und die anderen wurden die Operationen schwieriger. Mit nur noch drei Shuttles mussten Chanya, Kery und Allan öfter zu dritt die Crew des verbliebenen Shuttles bilden. Das stellte sich allerdings als weniger schlimm heraus, als sie erwartet hatten. Chanya und Kery konnten sich auf langen Flügen im Cockpit abwechseln, während Allan sich auf die Technik konzentrierte und die Kontakte zu den Kunden pflegte. Und schließlich hatte die plötzliche Nähe noch einen anderen Effekt. Chanya und Alla gestanden sich in der Zeit nach dem Vorfall bei Ianessa endlich ihre Liebe füreinander ein.

Zwei aufregende Jahre vergingen. Die Sitten im Rim wurden rauher, während die Zone sich immer weiter von Sol entfernte. Im Core rüsteten derweil die großen Konzerne ihre Flotten auf - und sorgten für Sicherheit. Chanya und ihre Freunde, inzwischen die eigentlichen Geschäftsführer, hatten viel von den Gewinnen der besseren Zeiten zurückgelegt und immer wieder im Alleingang lukrative Aufträge an Land gezogen, um das Unternehmen über Wasser zu halten. Chanya diskutierte viele Male mit Allan und Kyra, ob man das sinkende Schiff besser verlassen sollte. Aber trotz seiner undurchsichtigen Art hatte der Geschäftsführer einmal viel für Chanya und ihre Freunde getan. Sie empfand es als Dolchstoß in seinen Rücken, wenn sie einfach so gehen würden.

Doch der Lauf der Ereignisse nahm Chanya und den anderen schließlich die Entscheidung ab. Auf einer ihrer Missionen erhielten sie eine Nachricht von einem äußerst aufgeregten Arthur. Allans Onkel berichtete, dass etwas schief gelaufen sei. Der Geschäftsführer liege tot in seinem Büro - mit einem sauber gebrannten Loch im Kopf. Die drei sollten nicht zurückkehren, sondern die Shuttles auf einer abgelegenen Kolonie landen. Er würde sie dann mit weiteren Instruktionen versorgen. Chanya, Allan und Kery befolgten Arthurs Anweisungen zögernd. Sie landeten auf dem genannten Planeten - ein Außenposten mit nur einigen hundert Einwohnern und warteten auf Arthurs Nachricht. Doch sie hörten nie wieder von dem alten Raumfahrttechniker.

Allan konnte sich nicht erinnern, dass Arthur jemals von solch gefährlichen Feinden erzählt hatte. Wie die drei aber schließlich durch vorsichtige Nachforschungen in der Siedlung herausfanden, hatte Arthur tatsächlich einige Freunde auf diesem gottverlassenen Planeten. Sie hatten erfahren, dass Arthur sich auf größeren Ärger vorbereitet hatte und halfen Allan dabei, die IDs der beiden Shuttles auszutauschen. Doch von Arthurs weiteren Plänen wussten sie nichts. Sie konnten aber Chanya und den anderen eine Adresse geben, wo Arthur einen wenig bekannten zweiten Wohnsitz unterhielt. Chanya und die anderen beschlossen, diese Adresse aufzusuchen und herauszufinden, was es mit Arthurs Verschwinden und dem unerwarteten Ableben ihres ehemaligen Chefs auf sich hatte.

Happy End?

Chanya, Kery und Allan fanden Hinweise, dass die Organisation, die die Kontrolle im Ianessa System übernommen hatte, offenbar Befehle von einem Subunternehmen des Konzerns Alpha Spaceflight empfangen hatte. Sie kehrten zurück nach Helike und hörten sich in der Kolonie um. Man vermutet, dass sie schließlich von Agenten von Luna Technology kontaktiert wurden und damit begannen, sehr lukrative und geheimnisumwobene Aufträge in der Region auszuführen. Es dauerte nicht lange, bis sie ihre Shuttles gegen eine Korvette eintauschten und weitere Personen in ihr Vertrauen zogen. Gerüchte besagen, dass Chanya Yego und ihre Freunde wechselseitig für verschiedenste Konzerne tätig waren, und dennoch nie langfristig bei einer der Parteien in Ungnade fielen. Zu den Bewohnern der Kolonien, in denen sie für längere Zeit aktiv wurden, bauten sie über die Jahre ein gutes Verhältnis auf. Aus ihrer kleinen Operation wurde schließlich eine riesige Organisation, die 2246 überall im Terranischen Sternenstaat präsent ist.

Im Januar 2180 gründeten Chanya Yego und Allan Cohen die Spacetraveller's Lounge, ein interstellares Netzwerk von Dienstleistungen für Raumfahrer. In den darauffolgenden Jahren wurde in nahezu jeder Kolonie, die über einen Raumhafen verfügt und mehr als tausend Einwohner hat, eine Lounge eröffnet. Nach der Gründung der Spacetraveller's Lounge zogen sie sich aus der Öffentlichkeit zurück und kauften sich ein großes Anwesen auf der obersten Ebene von Terra Haven, der Hauptstadt des Terranischen Sternenstaats, wo sie sich zur Ruhe setzten. Im Jahr 2195 heirateten die beiden, in den kommenden Jahren wuchs die Familie um mindestens drei Kinder an. Dies ist bekannt, weil die Sprösslinge später unter ihrem wahren Namen in der Politik und in verschiedenen großen Konzernen aktiv wurden. Fantasievolle Gestalten meinen, es gäbe noch weit mehr Cohens oder Yegos, die aber heute ausnahmslos als Graue den Terranischen Sternenstaat unsicher machen.

Was Chanya Yego und Allan Cohen selbst heute beschäftigt, können selbst Experten der High-Society nicht mit Sicherheit sagen. Einige behaupten, die beiden ziehen Fäden in der Politik, andere sind sich sicher, dass sie ihre körperliche Existenz längst aufgegeben haben. Wieder andere meinen, das Anwesen sei nur Tarnung, während Yego und Cohen - inkognito - an Bord eines einfachen Shuttles im Outer Rim als Graue unterwegs sind. Die Wahrheit kennen wohl nur die alten Vertrauten der Familie, und die schweigen beharrlich.

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