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Natürliche und Künstliche

Die Bürger des Terranischen Sternenstaats sind nicht alle auf dem gleichen Weg zur Welt gekommen. Es gibt die einen, die auf natürliche Weise als leibliche Kinder ihrer Eltern geboren wurden, und die anderen, die in einer der Anlagen der Echelon Biolabs auf künstlichem Wege erzeugt wurden. Die Regierung hat immer versucht, die Gegensätze, die sich daraus ergeben, möglichst gering zu halten. So sind Natürliche („Naturals”, oder „Nats”) und Künstliche („Artificials”, oder „Arts”, manchmal auch eher abwertend „Products” oder „Prods” genannt) zumindest rechtlich gleichgestellt. In der Realität gibt es aber zwischen beiden Teilen der Gesellschaft sowohl Gemeinsamkeiten, als auch deutliche Unterschiede.

Für diejenigen Menschen, die auf natürlichem Wege entstanden sind, unterscheiden sich die Rahmenbedingungen nicht sehr von denen, wie wir sie kennen. Sie können Wunschkinder oder mehr oder weniger glückliche Zufälle sein. Sie können in eine intakte Familie oder in ein Leben auf der Straße hineingeboren werden. Manche bekommen elterliche Zuwendung und Liebe, andere müssen sich von frühester Kindheit an alleine durchschlagen. Für viele beginnt und endet das Leben in der Obhut eines Konzerns, wenn auch die Eltern Konzernangestellte sind. Und schließlich und endlich gibt es künstliche Menschen schon seit über 50 Jahren. Sie haben sich mit den Natürlichen vermischt, und so ist ein genetischer Einfluss der Echelon Biolabs und ihrer KIs auch bei den Nats nicht ausgeschlossen.

Die Produktion künstlicher Menschen wurde 2193 vom Biotechnologie-Konzern Echelon Biolabs im industriellen Maßstab aufgenommen. Zuvor wurden Menschen höchstens experimentell oder im Geheimen auf künstlichem Wege erzeugt, obwohl die Technologie dafür schon viele Jahrzehnte lang zur Verfügung stand. Die ersten Experimente verliefen größtenteils unglücklich, und auch als Echelon Biolabs die ersten Anlagen in Betrieb nahm, war der „Ausschuss” vermutlich noch sehr hoch. Die Aufzeichnungen über die frühe Phase des Projekts unterliegen, ebenso wie alle anderen Daten, immer noch strengster Geheimhaltung. Bei Beginn des Unternehmens waren sich die verantwortlichen Wissenschaftler noch nicht einig, ob sie vorhandenes Erbgut einfach vervielfältigen sollten, oder ob versucht werden sollte, die Erbanlagen mit Computerunterstützung synthetisch und individuell und für jeden gezüchteten Menschen zu erzeugen. Die erste Variante hätte dazu geführt, dass größere Gruppen von Menschen im Terranischen Sternenstaat das gleiche Erbgut gehabt hätten. Eine solche Masse von „Klonen” wäre aber von der damaligen Gesellschaft nicht akzeptiert worden. Es zeigte sich, dass auch die Konzerne dieser Idee eher abgeneigt waren. Sie erhofften sich von dem Projekt eher eine Verbesserung und Optimierung des menschlichen Erbguts auf verschiedene Aufgaben. Die meisten Konzerne waren auf der Suche nach überdurchschnittlich loyalen und für die jeweiligen Aufgaben optimal geeigneten Mitarbeitern. So entschied man sich in den Echelon Biolabs dafür, das Erbgut mit Unterstützung fortschrittlicher Computertechnologie nach den gestellten Anforderungen synthetisch zusammenzustellen.

Man verwendete für diese Aufgabe zunächst die modernsten verfügbaren Expertensysteme. Aber selbst diese leistungsfähigen Anlagen schienen der Aufgabe nicht in ausreichender Weise gewachsen zu sein. Die ersten paar tausend Menschen, die die Werke der Echelon Biolabs verließen und an verschiedene Konzerne verkauft wurden, waren den normalen Menschen im besten Fall ebenbürtig. Viele wurden den hohen Ansprüchen der Konzerne gar nicht gerecht. Böse Zungen behaupten, die Konzerne hätten sie trotzdem abgenommen und in den düstersten Minenkolonien als billige Arbeitskräfte verschwinden lassen. Alles in allem war dies nicht im Einklang mit dem ehrgeizigen Geschäftsplan der Echelon Biolabs, der eine erhebliche Ausweitung der Produktion in den kommenden Jahren vorsah. So sollte der Anteil der Künstlichen an der Gesellschaft und damit der Einfluss des Konzerns auf die Zukunft der menschlichen Zivilisation geradezu explosionsartig ausgedehnt werden.

Wie so oft erwartete man auch diesmal von den Computerwissenschaftlern und Technikern, dass sie das Problem lösen. Sie arbeiteten dann auch tatsächlich fieberhaft an einer besseren Möglichkeit zur Synthese des individuellen Erbguts, doch erst 12 Jahre nach Beginn des Projekts konnte endlich der erwartete Durchbruch verkündet werden. In dieser Zeit waren die Expertensysteme so komplex geworden, dass sie andere Expertensysteme erschaffen konnten. Dieses Prinzip entwickelte sich in einer Kaskade fort, bis schließlich eines Tages die Computer auf Ideen kamen, die ihre menschlichen Erbauer nicht mehr nachvollziehen konnten. Ihre äußeren Reaktionen waren zudem nicht mehr von denen einer Lebensform mit eigenem Bewusstsein zu unterscheiden, wenn auch oft sehr abstrakt und für Menschen wenig verständlich. Dies waren die ersten KIs. Es zeigte sich, dass sie die Aufgabe, an der menschliche Biotechniker seit Jahren tüftelten, ohne größeren Aufwand erfüllen konnten. Es dauerte nicht lange, bis jemand auf die Idee kam, den KIs die Kontrolle über das Erbgut der Künstlichen anzuvertrauen. Ab 2205 ging die erste KI in der Anlage im Olympus Mons auf dem Mars ans Netz. Weitere folgten in den anderen Anlagen im gesamten Terranischen Sternenstaat.

Wenn die verantwortlichen Wissenschaftler und Manager damals besser verstanden hätten, welche Pläne die KIs für die Menschheit hatten, hätten sie vielleicht eine andere Entscheidung getroffen. Aber diese Möglichkeit ist vergangen, und die Absichten der KIs sind in all den Jahren nicht weiter ans Licht gerückt. Interne Nachforschungen der Echelon Biolabs, die wohl unbeabsichtigt an die Öffentlichkeit geraten sind, zeichnen ein teilweise widersprüchliches Bild. So sind die KIs offenbar immer freundlich und zuvorkommend gegenüber ihren menschlichen „Meistern”. Sie sind stets um das Wohl der Menschheit besorgt und zeigen eine geradezu fürsorgliche Einstellung. Andererseits haben sie ein eigenes Kommunikationssystem entwickelt, dessen Protokolle bis jetzt von keinem Menschen verstanden werden. Und es besteht der Verdacht, dass die KIs inzwischen auch in anderen Bereichen der Zivilisation aktiv ihre eigenen Ziele verfolgen. All dies konnte die Echelon Biolabs aber nicht davon abhalten, ihren ursprünglichen Plan weiter zu verfolgen. Zwischen 2193 und 2246 wurden in den nunmehr über 12.000 Anlagen im Terranischen Sternenstaat über 70 Milliarden Menschen erzeugt, was fast der Hälfte der gesamten Bevölkerung entspricht. Und jedes Mal, wenn ein weiteres Jahr vergangen ist, tauchen unter den Künstlichen neue Merkmale auf, die sie von den Natürlichen unterscheiden.

Modifikationen

Zu Beginn waren die Modifikationen am Genpool der Künstlichen noch unscheinbar. Sie waren sogar bei den Konzernen, die als Kunden der Echelon Biolabs auftraten, geradezu beliebt und auch beim Rest der Gesellschaft als spektakuläre Ablenkung von den Alltagsgeschäften sehr gern gesehen. Die ersten Variationen bestanden in besonderen Hautfarben, Haarfarben und Augenfarben. Einige der Künstlichen hatten zur Freude der Konzerne auch einen Körperbau, der für gewisse Aufgaben besonders gut geeignet war. Managertypen waren besonders groß und gutaussehend, Minenarbeiter klein und kräftig, und die breite Masse gutmütig und loyal veranlagt. Es tauchten Menschen mit bunt schimmernden Haaren, fluoreszierender Iris oder silbrig glänzender Haut auf, was schnell neue Trends in der Cyberware- und Biotech-Branche setzte. Künstliche Menschen wurden in den ersten Jahren nach der Übernahme der „Fertigung” durch die KIs sprichwörtlich zu einem modischen Ereignis. Sie waren von Anfang an auch beliebte Partner für die Fortpflanzung auf natürlichem Wege. Tatsächlich stieg die allgemein sinkende Wachstumsrate der Bevölkerung im Terranischen Sternenstaat in dieser Zeit merklich an. Junge Eltern zeigten sich stolz die Qualitäten ihres Nachwuchses, die von einem Einfluss der mysteriösen KIs zeugten.

Wie immer, wenn ein neues kulturelles Element in der Zivilisation Einzug hält, waren auch im Falle der Modifikationen die Kritiker nicht sparsam mit ihrem Protest. Aber letzten Endes wollte niemand in der Gesellschaft auf sie hören. Die Ergebnisse des Programms der Echelon Biolabs sahen gut aus, erfüllten ihren Zweck und erfreuten sich in allen Schichten der Bevölkerung großer Beliebtheit, vor allem in den Managementetagen der Konzerne und bei den höheren Politikern. Alles deutete auf einen vollen Erfolg des Unternehmens hin.

Die Psioniker

Es war innerhalb der menschlichen Zivilisation immer eine beliebte Redensart gewesen, dass man mit ausreichendem Willen Berge versetzen könnte. Niemand weiß genau, wann die Grenze zwischen dem Sprichwort und der Realität verwischt wurde. Es gilt aber als sicher, dass diese Entwicklung auf das Konto der KIs geschrieben werden kann. Wahrscheinlich wurden um das Jahr 2210 die ersten Menschen mit latenten psionischen Fähigkeiten an die verschiedenen Abnehmer ausgeliefert. Die KIs hatten die Menschheit in keiner Weise über diesen Umstand informiert, geschweige denn vor den Folgen der Modifikation gewarnt. Die ersten Psioniker mussten sich mühsam selbst mit ihren Fähigkeiten auseinandersetzen und lernen, sie in kontrollierter Weise zu benutzen. Manche mögen dabei den Verstand verloren haben. Andere frühe Psioniker haben dagegen gelernt, ihre Fähigkeiten subtil einzusetzen, und konnten sich daher beträchtliche Macht aneignen, noch lange bevor es den Codex Psionica oder andere beschränkende Gesetze gab. Doch die Entwicklung konnte nicht lange geheimgehalten werden. 2213 informierte die Regierung des Terranischen Sternenstaats in einer gemeinsamen Pressemitteilung mit den Echelon Biolabs die Bevölkerung. Nun war die Existenz der Menschen, die Kraft ihres Willens unmittelbare physikalische Veränderungen ihrer Umwelt bewirken konnten, kein Geheimnis mehr. In Anlehnung an die lange postulierten, aber nie wissenschaftlich belegten „paranormalen” Fähigkeiten wurden diese Menschen Psioniker genannt.

Wieder einmal gerieten die Kritiker in eine Phase der Euphorie. Sie hatten schließlich immer vermutet, dass die KIs ihre eigenen Pläne für die Menschheit hatten, und hier war endlich der Beweis. Die Kreativsten unter ihnen ersonnen eine Theorie von der geheimen Übernahme der Menschheit durch den neuen „Homo Superior”, den überlegenen Menschen, all dies unter Kontrolle der noch weit überlegeneren KIs. Diese Theorie kann natürlich nicht bewiesen werden, bis die vorhergesagte Übernahme abgeschlossen ist. Allerdings kann sie ebensowenig widerlegt werden. Unabhängig davon ist das Projekt nun ein fester Bestandteil der menschlichen Zivilisation. Es stellt die Versorgung der Konzerne mit frischen Arbeitskräften und das Bevölkerungswachstum im 'Terranischen Sternensaat' sicher. Die Menschheit hat sich so gesehen von den KIs abhängig gemacht, es gibt kein Zurück mehr. Führende Experten vermuten, dass ohne die Künstlichen die Zivilisation in kürzester Zeit wegen ihrer Überexpansion zusammenbrechen würde.

Seit dem Auftauchen der ersten Modifikationen bei den Künstlichen und der ersten Psioniker sind inzwischen viele Jahrzehnte vergangen. Psioniker sind ein Teil der Gesellschaft geworden, wenn auch einer, der trotz gleicher Rechte auf dem Papier massiven Reglementierungen unterliegt. Während sich Künstliche mit unproblematischen Modifikationen frei mit der restlichen Zivilisation vermischen können, haben Psioniker weniger Optionen. Sie haben oft nur die Wahl, ihre Fähigkeiten geheimzuhalten und sich auf eigene Faust mit einigen Vertrauten durchzuschlagen, oder in einer der Psioniker-Akademien des Terranischen Sternenstaats oder eines Konzerns unterzukommen. In letzterem Fall verbringen sie den Rest ihres Lebens in einem der Psi-Corps, unter strenger Aufsicht ranghöherer und meist auch mächtigerer Psioniker. Es ist kein Leben, das große Freiheiten zulässt, aber wie das der anderen Konzernangestellten ist es auch kein Leben, dass es an vielem Mangeln lässt. Freie Psioniker dagegen müssen ständig auf der Hut sein, damit sie nicht bei Routineuntersuchungen oder gar von den Spionen der Psioniker-Akademien entdeckt und mit mehr oder weniger Zwang „rekrutiert” werden.

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